Wie ich für einen Tippfehler meinen Job hinschmiss

Liebe Leserin und lieber Leser,

herzlich willkommen zur ersten Folge meiner zehnteiligen Blog-Serie. Heute erzähle ich dir, wie mich ein besonderes Gefühl in meiner Selbstständigkeit unterstützt hat. Am Ende des Artikels präsentiere ich dir außerdem zwei Anregungen, mit denen du den ersten Schritt in Richtung deiner Selbstständigkeit unternehmen kannst. Viel Spaß beim Lesen!

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Ein Jahr lang habe ich mich abgequält. Tag für Tag. Obwohl mir meine Arbeit keinen Spaß mehr machte. Trotzdem ging ich jeden Morgen ins Büro. Davor spielte sich meist die gleiche Szene ab. Ich sagte zu meiner Frau: „Das ist so frustrierend. Ich gehe da nicht mehr hin.“ Ihre Antwort kannte ich schon. Sie kam mit der gleichen Regelmäßigkeit wie meine Ankündigung. „Komm schon. Du verdienst gut und wir haben gerade ein Haus gekauft“, sagte sie. Also ging ich ins Büro. Wir brauchten das Geld. Was sollte ich sonst auch machen?

Etwa drei Jahre zuvor hatte ich bei einer schwäbischen Krankenkasse eine Festanstellung angenommen. Als Sportlehrer organisierte ich mit meinen Kollegen Gesundheitsangebote für die Mitglieder. Rückenschulkurse gehörten dazu. Der Job machte mir Spaß. Ich verdiente 2.500 Mark brutto im Monat.

Gleiches Gehalt, neue Tätigkeit

Nach zwei Jahren wurde das Gesundheitsangebot ersatzlos gestrichen.  Meinen Kollegen und mir wurde eine neue Tätigkeit angeboten. Für das gleiche Gehalt sollten wir nun als Betriebsberater arbeiten. Das bedeutete vor allem: Mitglieder von anderen Krankenkassen abwerben. Das war überhaupt nicht mein Gebiet. Trotzdem nahm ich das Angebot an. Ich brauchte das Geld und ich mochte Herausforderungen. Ich gab mir Mühe und versuchte meine Ergebnisse zu verbessern. Im Vergleich zu Gesundheitsberatern aus anderen Städten, da bin ich mir heute rückblickend sicher, habe ich sogar relativ viele Mitglieder geworben. Es half nur nichts. Für meinen Chef waren es immer zu wenig geworbene Mitglieder. Zudem hatte er ein cholerisches Temperament.

Jeden Abend brüllte er mich an: „Wo sind die Aufnahmeanträge? Haben Sie den ganzen Tag nur geschlafen?“. Dabei spielte es auch keine Rolle, ob ich gerade im Gespräch mit Kunden war. Er schrie mich einfach an. Abend für Abend. Vielleicht war das seine Vorstellung von Mitarbeiter-Motivation. Mich frustrierte sie nur. Aufgemuckt habe ich nie. Ich war angepasst. Dementsprechend lauteten meine Antworten stets: „Sie haben Recht. Ich gebe mir Mühe. Es wird nicht wieder vorkommen“.

Im Urlaub ins Büro

Ich wurde immer genervter. Umso dankbarer war ich für jeden Urlaubstag, den ich nehmen konnte. Gleichzeitig wollte ich meinen Job aber auch bestmöglich machen. Eine wichtige Terminsache musste erledigt werden. Vor dem Urlaub war ich nicht mehr dazugekommen. Ich entschied mich, während meines Urlaubs ins Büro zu gehen und 300 Briefe auszudrucken, einzutüten und für den Versand fertig zu machen.

Ich war fast fertig, als die Tür aufging und mein Chef ins Büro kam. In der Hand hielt er einen meiner Briefe. Er deutete darauf. „Da ist ein Schreibfehler“, sagte er.  In einem Wort stand statt eines „e“ ein „a“. Ich hatte mich vertippt. „Nochmal machen!“, schrie mein Chef.

In diesem Moment verspürte ich eine unglaubliche Wut. Ich stand auf und sagte zu meinem Chef: „Du kannst mich mal. Das ist kein Spaß.“ Ich nahm meine Jacke, öffnete die Büro-Tür, holte stark aus und knallte sie hinter mir zu. An meinen Arbeitsplatz bei der Krankenkasse kam ich nie wieder zurück.

Noch am gleichen Abend klingelte das Telefon. Arbeitskollegen waren dran. „Bist du wahnsinnig? Komm zurück, das kannst du doch nicht machen.“ Meine Antwort fiel knapp aus: „Doch, das kann ich machen.“ Ich kündigte.

Von Null auf Hundert

Ich hatte keinen Job und keine Einnahmen, aber meine Wut gab mir eine unglaubliche Energie. 2500 Mark hatte ich brutto bei der Krankenkasse verdient. Um meinen bisherigen Lebensstil fortführen und die monatlichen Raten fürs neu gekaufte Haus bezahlen zu können, benötigte ich mindestens den gleichen Betrag. Ich setzte mir 3000 Mark Monatsverdienst als Ziel. Ich überlegte mir, wie viele Stunden ich dafür im Monat arbeiten wollte. Ich kalkulierte alles durch. Dann setzte ich mich hin und gestaltete ein DIN A4-Plakat. Als ehemaliger Leistungsschwimmer und Sportlehrer entschied ich mich dafür, Kinder-Schwimmkurse anzubieten.

Auf das Plakat schrieb ich, dass ich Kindern das Schwimmen innerhalb von einer Woche beibringe. Ich hatte keine Ahnung, ob das überhaupt möglich war. Aber ich wollte etwas Besonderes anbieten. In Konkurrenz zu 12-Wochen-Kinderschwimmkursen zu gehen, die damals für 40 Mark angeboten wurden, machte keinen Sinn.

Mehr Verdienst als in der Festanstellung

Ich hängte das Plakat im Kindergarten meiner Töchter auf. Es gab acht Anmeldungen. Innerhalb von einer Woche brachte ich fünf- und sechsjährigen Jungen und Mädchen das Schwimmen bei. Die Methodik meines Kurses war alles andere als ausgefeilt. Aber es funktionierte. Mein Erfolg sprach sich herum. Es kamen weitere Kurse zustande. Zusätzlich warb ich in anderen Kindergärten. Ich verfeinerte die Methoden meines Kurses. Ich hatte eine unglaubliche Energie, die durch meine Wut über den gekündigten Job befeuert wurde. Um mich finanzieren zu können, benötigte ich bei vier Wochen im Monat mit jeweils sechs angesetzten Arbeitstagen zwei bis drei Kinderschwimmkurse pro Tag. Dafür ackerte ich. Und ich schaffte es.

Innerhalb des ersten Monats verdiente ich den gleichen Betrag mit Kinderschwimmkursen wie in meiner Festanstellung, im zweiten Monat erreichte ich die 3000 Mark und hatte damit ein höheres Einkommen als bei der Krankenkasse.

Im ersten Monat war ich beim Arbeitsamt. Ich hätte die Möglichkeit auf Überbrückungsgeld gehabt. Die Mitarbeiterin holte alle möglichen Formulare für den Antrag hervor. Sie sagte mir, dass ich am Donnerstagnachmittag noch einmal vorbeischauen sollte. Doch da hatte ich meinen Kinderschwimmkurs. Ich bin nie wieder ins Arbeitsamt gegangen.

Fazit und Anregung

Liebe Leserin und lieber Leser,

jetzt kennst du den Beginn meiner Selbstständigkeit. Zwei Dinge habe ich aus meiner persönlichen Erfahrung gelernt. Daran orientiert sich auch mein Ansatz als Existenzgründer-Coach.

1. Mir hat meine Wut über die gekündigte Festanstellung eine unglaubliche Energie gegeben, um das vermeintlich Unmögliche zu schaffen.

2. Die Basis jeder Selbstständigkeit sind die Einnahmen. Deshalb stehen sie in meinem Ansatz „3000 plus“ an oberster Stelle. Ohne Geld funktioniert keine Selbstständigkeit. Das mag banal klingen. Ich habe jedoch schon viele Leute erlebt, die sich selbstständig gemacht haben, ohne davor ihren finanziellen Bedarf zu ermitteln. Um Kundschaft anzulocken, boten sie ihre Dienstleistungen und Produkte zu niedrigen Preisen an, die eine dauerhaft erfolgreiche Existenz einfach unmöglich machten.

Deshalb wären meine heutigen Anregungen für dich:

1. Überlege dir bis zur nächsten Woche, welche Gefühle und Umstände dich motivieren würden, um in deiner Selbstständigkeit volle Power zu geben? Was könnte dich befeuern?

2. Überlege dir anschließend, wie viel du mit deiner selbstständigen Tätigkeit verdienen möchtest? Wie viele Tage in der Woche und Stunden am Tag möchtest du arbeiten? Wie viel Urlaub möchtest du nehmen? Mit welchen Krankzeiten rechnest du? Nimm alles in deine Kalkulation auf und ermittle deinen Stundenverdienst und Monatsverdienst.

Ein Tipp: Wenn du aktuell in einer Festanstellung arbeitest und das Gleiche wie dort verdienen möchtest, dann musst du den doppelten Betrag deines Netto-Verdienstes in der Selbstständigkeit verdienen. Wenn du beispielsweise jeden Monat 1500 Euro aufs Konto bekommst, benötigst du mindestens 3.000 Euro Brutto-Einnahmen.

Du hast noch keine Ahnung, was du überhaupt in deiner Selbstständigkeit machen sollst? Dann schau doch einfach am kommenden Sonntag, 30. April, wieder hier im Blog vorbei. Ich werde dir zeigen, wie du Ideen entwickelst, die zu deinen Talenten passen und wie du testen kannst, ob für deine Idee überhaupt eine Nachfrage besteht.

Bis dahin wünsche ich dir eine tolle Zeit!

Weitere Erfahrungen aus meinem persönlichen und beruflichen Werdegang kannst du in meinem Buch „Trotz Erziehung erfolgreich!“ nachlesen (hier).

Welche persönlichen Neigungen und Werte du besitzt, kannst du mit meinen Werte-Cards herausfinden (hier).

Viele Grüße
Volker